Vom Papierberg zur digitalen Aktenführung: Stadtarchivar Stephan Heuscher geht in Pension
Der langjährige Hüter der Frauenfelder Verwaltungsakten verabschiedet sich in die Frühpension. Stadtarchivar Stephan Heuscher hat 13 Jahre lang die bewegte Vergangenheit der Stadt strukturiert und geordnet. Nun freut er sich auf einen neuen Lebensabschnitt.
Stephan Heuscher widmet sich als Frauenfelder Stadtarchivar seit 13 Jahren mit grosser Leidenschaft der systematischen Erschliessung der städtischen Verwaltungsakten. «Dies ist essentiell. Die Erschliessung bildet die Grundlage für jede weitere Recherche», erklärt er und unterstreicht damit, wie wichtig es ist, sowohl historische Papierdokumente nachträglich zu ordnen, als auch digitale Akten von Anfang an strukturiert abzulegen. Bei der Archivarbeit geht es jedoch um mehr, als einfach nur Ordnung in die Geschichte zu bringen. «Geschichte ist schön, steht beim Stadtarchiv der politischen Gemeinde aber nicht im Vordergrund», betont Heuscher. Vielmehr gehe es bei seiner Arbeit häufig um das Liefern von Fakten zur Klärung von Rechtsfragen. Er beantwortet jährlich rund 150 Anfragen, die oft einem detektivischen Auftrag gleichen. Etwa dem, herauszufinden, wer wem vor Jahrzehnten den Auftrag erteilt hat, den städtischen Kehricht in einer Deponie abzuladen, die in der Gegenwart eine sanierungsbedürftige Altlast bildet. Oder um Dienstleistungen des Werkhofs, welche lange Zeit als mündlich vereinbarte Gefälligkeit erledigt wurden, heutzutage jedoch abgeltungsberechtigte Arbeiten darstellen.
Frauenfelds Wandel im Blick
Für Heuscher ist Frauenfeld ein lebendiges Zeugnis des Wandels. Er erinnert daran, wie sich die Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat. «Frauenfeld hat bevölkerungsmässig und wirtschaftlich grosse Schritte gemacht», erklärt er. Während sein Heimatort Herisau bereits im 19. Jahrhundert vom industriellen Aufschwung profitierte, erreichte Frauenfeld den Durchbruch erst in den späten 1930er Jahren. Heute zählt die Stadt stolze 26’000 Einwohnerinnen und Einwohner – ein Wachstum, das Heuscher immer wieder in Staunen versetzt: «Das ist wirklich aussergewöhnlich». Auch die starke Stellung der Bürgergemeinde, ein Relikt, das in vielen anderen Regionen kaum noch zu finden ist, beeindruckt ihn. «Zürich, Luzern und Schaffhausen zum Beispiel kennen keine Bürgergemeinden mehr», fügt Heuscher an.
Historische Schätze und Publikationen
Eine Aufzeichnung, die Stephan Heuscher besonders am Herzen liegt, ist das älteste Protokollbuch der Badekommission Frauenfeld aus den Jahren 1884 bis 1913: «Der Text ist sehr spannend und auch köstlich unterhaltsam.» Das Buch erzählt zahlreiche Anekdoten, so über Kantonsschüler aus gutem Haus, die dem Bademeister nicht gehorchen wollten, da sie sich als Teil einer höheren Gesellschaftsschicht sahen. Oder über die ewigen Diskussionen betreffend Geschlechtertrennung und Sittlichkeit. «Es ist wirklich aus dem Leben gegriffen», sagt der Historiker schmunzelnd. Dabei kommen Heuscher seine Kenntnisse im Entziffern von altdeutschen Handschriften zu Gute. Er sei zwar nicht der ausgewiesene Handschriften-Spezialist, aber «die aus dem 19. Jahrhundert kann ich problemlos lesen».
Er selbst war auch an mehreren Publikationen beteiligt. Unter anderem verfasste er die Geschichte der Feuerwehr Frauenfeld seit 1865. Im Hinblick auf die Einweihung der Schlossbadi erforschte er die Geschichte der Frauenfelder Badeanstalten und verfasste zum Jubiläum «100 Jahre Stadtvereinigung» ein gleichnamiges Buch. Das Schreiben macht Stephan Heuscher Spass, es sei jedoch auch eine sehr anspruchsvolle Arbeit, wie er verrät: «Man muss immer tausend Dinge im Kopf haben.» Bis zum fertigen Buch sei es ein aufwendiger und anspruchsvoller Prozess.
Vom Papierberg zur digitalen Ablage
Die fortschreitende Digitalisierung hat Heuschers Aufgabenbereiche mitgeprägt und seine Arbeit nachhaltig beeinflusst. Als er vor 13 Jahren bei der Stadt Frauenfeld angefangen hat, hatte er vor allem einen Erschliessungs-Rückstand bei den Papierakten aufzuholen. «Ich hatte fast einen ganzen Keller voll unerschlossener Dokumente geerbt», erzählt Heuscher. Später stand für ihn die Betreuung des digitalen Ablagesystems (CMI) im Mittelpunkt – eine anspruchsvolle Aufgabe, da er für viele Ämter erstmals Registraturpläne erstellen musste. Heuscher sieht die Digitalisierung im Bereich der Archivarbeit als durchaus positive Entwicklung. «Die Digitalisierung erweitert die Recherchemöglichkeiten in hohem Mass», betont er. Jedoch verändere sich die Archivarbeit dadurch nicht grundsätzlich. «Die Bewertung verläuft einfach anders herum», erklärt er, denn sie «muss prospektiv und nicht mehr im Rückblick geschehen.»
Zwischen Kochlöffel und Bassgitarre
Dem Eintritt in die Frühpension blickt Stephan Heuscher voller Vorfreude auf seinen neuen Lebensabschnitt entgegen. «Ich habe keine Angst, dass es mir langweilig wird», sagt er mit einem Lächeln. Neben seiner Begeisterung für das Mittelalter im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, insbesondere für Kaiser Friedrich Barbarossa, freut er sich darauf, endlich mehr Zeit für die Musik zu haben, etwa als Bassgitarrist in einer Blues- oder Soul-Band. Zugleich möchte er seine Italienischkenntnisse vertiefen und gemeinsam mit seiner Frau nach Sizilien oder in die Basilicata reisen. Auch das Kochen soll einen festen Platz in seinem Alltag bekommen: «Schon jetzt überlege ich mir oft den Menüplan fürs Wochenende, gehe einkaufen und koche dann selbst», erzählt er. Darüber hinaus plant er, seinen Alltag mit Spaziergängen und Bergwanderungen aktiv zu gestalten und vermehrt Aufgaben im privaten Haushalt zu übernehmen.
Stephan Heuscher geht nach 13 Jahren als Stadtarchivar der Stadt Frauenfeld in Pension.